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Sagen rund um das historische Zent- und Rathaus der Gemeinde Reichelsheim (Odenwald)

 

Über das Rathaus sind einige merkwürdige Geschichten überliefert. Sie werden immer wieder mal erzählt und finden sich in zahlreichen Aufzeichnungen. Sie sollen daher nachfolgend wiedergegeben werden.

 

 

Der Spuk im Rathaus

 

Im Rathaus sei es nicht geheuer, hieß es früher allgemein. Wer des Nachts hineingeht, dem krallt sich eine schwarze Katze am Rock fest, oder der Spuk zeigt sich auf sonstige Weise.

 

Der alte Schuldiener will nächtlicher Weise, als er einmal dort aus besonderem Grunde Wache halten musste, ein Poltern auf der Treppe, Geräusche, als ob der Teufel los wäre, beobachtet, aber nichts gesehen haben. Mit dem Glockenschlag 12 Uhr sei der Spuk verschwunden.

 

Er erzählte weiter, dass der alte Küfer Bertsch allerlei im Rathaus beobachtet, aber auf den Rat des damaligen Bürgermeisters Dingeldein hin geschwiegen haben.

 

 

Es wewert im Rathaus!

 

Jedem ist bekannt, dass es im Rathaus wewert. Das wusste auch der Vikar Specht. Er hielt gar nicht gern Konfirmandenstunde im Rathaus. Auch am Tag hielt er sich nicht gern darin auf, selbst, wenn andere dabei waren.

 

Der alte Schuhmacher Philipp Hertel erinnert sich noch gut an eine sonderbare Begebenheit während seiner Konfirmandenzeit.

 

An einem trüben Herbsttag saßen die Konfirmanden wie immer beim Unter­richt. Plötzlich sprang die Tür auf. Der Vikar verschloss sie eigenhändig. Nach einiger Zeit ging die Tür wieder auf, ganz von selbst. Specht machte sie wieder zu.

 

Als aber die Tür zum dritten Mal allein aufging, schwollen dem Vikar die Adern an der Stirn vor Entsetzen. Er hatte erkannt, es wewert wieder einmal in dem alten Bau. Er schickte die Konfirmanden heim und verließ selbst, so schnell er konnte, den Saal.

 

 

Das Gespenst im Rathaus

 

Als das Rathaus noch seine offene Halle hatte, saß einmal ganz hinten ein Bursch mit seinem Mädchen.

 

Es wurde immer später, und sie beachteten gar nicht, dass die Mitternacht schon gekommen war. Da hörten sie ein Rumpeln in den Räumen über sich. Plötzlich schleifte und schlappte etwas die Stiege von oben herunter und kam in ihre Nähe. Erschrocken sprangen sie auf. Da huschte eine dunkle Gestalt in einem langen Gewande an ihnen vorbei und entschwand im Kirchhof.

 

Nie wieder gaben sich die beiden im Rathaus ein Stelldichein.

 

 

Der Teufel im Rathaus

 

Im Jahre 1811 zogen die Österreicher durch den Odenwald. Einer von ihnen, namens Seipold, blieb damals in Reichelsheim. Er war ein guter Rechner und gewandter Schreiber. Deshalb nahm ihn der Steuereinnehmer in seinen Dienst.

 

Der Beamte wohnte in der Kaplanei, dem heutigen zweiten Pfarrhaus. Sein Dienstzimmer lag neben der Wohnung.

 

Die Steuerbeamten hatten manchmal viel zu tun. Oft wurde es spät, bis sie fertig waren. So machte sich der Fremde einmal erst gegen Mitternacht auf den Heimweg.

 

Als er durch das Tor der Kaplanei auf den Marktplatz schritt, blickte er zum Pranger hin, der an der Ecke des Rathauses angebracht war. Dort bewegte sich etwas. Er blieb eine Weile stehen, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Dann sah er es deutlich: Dort stand der Teufel. Ganz schwarz war er. Die Hörner hoben sich klar gegen die weiße Wand ab. Die Augen glühten. Auch der spitze Bart zeigte, dass es niemand anders als der Böse war. Der Schreiber wich erschrocken zurück, drückte sich an der Seite des Wirts­hauses „Zum Grünen Baum” vorbei und erreichte den Ziehbrunnen. Er war froh, dass ihm der Teufel nichts getan hatte und lief die Gasse hinunter.

 

Da kam ihm aus der Mühlgasse ein Mann mit einer Laterne entgegen. Wie glücklich war er, einem lebendigen Wesen zu begegnen. Der Mann fragte ihn: „Hast du nicht meine Geiß gesehen? Sie ist durchgegangen, und ich kann sie nicht mehr finden.“

 

Da ging dem Schreiber ein Licht auf. Es war also die entwichene Geiß, die ihn so in Schrecken versetzt hatte. Das Tier ließ sich willig fangen und in seinen Stall bringen.

 

 

Das unheimliche Licht im Rathaus

 

Früher stand ein Ziehbrunnen auf dem Marktplatz. Dort versammelten sich gern die Reichelsheimer Männer, um miteinander zu plaudern.

 

Einmal standen hier wieder ein paar junge und alte Männer beisammen und sprachen über alltägliche Dinge.

 

Es war schon dunkel geworden bei ihrem Gespräch. Da bemerkten sie alle, dass die Lichter im Gerichtssaal angingen, eins nach dem andern. Es wurde immer heller im Saal, bis schließlich alles in einem unnatürlichen Licht erglänzte.

 

Das Gespräch der Männer war längst verstummt, und alle blickten gespannt nach den Fenstern. Da lehnte sich ein großer unbekannter Mann aus einem Fenster heraus.

 

Als er die Männer auf dem Marktplatz erblickte, verschwand er und mit ihm das ganze unheimliche Licht.

 

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