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Das historische Zent- und Rathaus der Gemeinde Reichelsheim (Odenwald)

 

Das Regionalmuseum Reichelsheim Odenwald ist seit seiner Eröffnung im ehemaligen Zent- und Rathaus der Gemeinde untergebracht. Die Geschichte dieses Gebäudes ist im Folgenden wiedergegeben. Einen ausführlichen Überblick liefert das Begleitbuch zum Museum "450 Jahre Zent- und Rathaus in Reichelsheim (Odenwald)" von Wolfgang A. W. Kalberlah. Informationen zum Buch finden Sie hier in unserer > Andenkenecke.

 

Übersicht über diesen Artikel
(Sie erreichen das gewünschte Thema durch einen Klick auf eine der vier nachfolgenden Zeilen):

> Erbauung

> Gebäudebeschreibung

> Nutzung und Ereignisse

> Reparaturen und Sanierung

 

1       Erbauung

1.1    Gründe
Reichelsheim wurde um 1200 Sitz eines erbachischen Zentgerichts. Dies dürfte wohl in unmittelbarem Zusammenhang mit dem einige Jahrzehnte früher oder später erfolgten Bau der Burg Reichenberg stehen. Das Gericht tagte zunächst auf dem „alten Urteilsplatz“ rechter Hand der Laudenauer Straße an der Einfahrt zu den „Gülläckern“, später auf dem mit Lindenbäumen bestandenen Marktplatz. Selbst zur Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung Reichelsheims 1303 dürfte es noch kein festes Rat- oder Zenthaus gegeben haben. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung (1507: 15 Familien = 75 Einw. in Reichelsheim) und der steigenden Bedeutung Reichelsheims in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden sicherlich Amtszimmer und eine bessere Unterbringung des Gerichts nötig.

 

1.2    Gebäude rund um den Marktplatz

Für die Errichtung eines geeigneten Gebäudes musste eine brauchbare Örtlichkeit gefunden werden. Da das Gericht bereits auf dem Marktplatz tagte, bot sich die nähere Umgebung an. Sie war eine exponierte Stelle mit der Kirche und den wenigen Gast- und Wohnhäusern ringsum. Die Märkte wurden ebenfalls dort abgehalten. Ob dort auch ein Kloster („Kloster am Bergelchen“) zu finden war, ist nicht eindeutig nachgewiesen. Es könnte das von Schenk Philipp I. von Erbach  (1415-1461), genannt der Junker vom Reichenberg, und seiner Gemahlin Lukardis von Eppenstein 1431 gestiftete und urkundlich erwähnte Brüderhaus zu Reichelsheim sein. Hierbei fällt auf, dass für 1545 letztmals die für die „Rechnung der Pfarrkirche und der Brüderschaft zu Reichelsheim“ verordneten Pfleger namentlich genannt wurden. Fiel das Kloster damals tatsächlich einem Brand zum Opfer, wie Überlieferungen behaupten, und wurde nicht wieder aufgebaut? Spielte die Einführung der Reformation eine Rolle? Dann könnte dort eine Freifläche entstanden sein, die genutzt werden konnte. Nun lag aber das mögliche Kloster wahrscheinlich nur in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserem heutigen Rathaus. Oder zog es sich bis hierher, wofür die starke Westwand der Markthalle ein Beweis sein könnte? Genau weiß man es nicht!

 

1.3    BauphaseRekonstruktionszeichnung

Die Grundsteinlegung fand im Frühjahr 1554 statt. Ihr wohnte Graf Georg II von Erbach (gest. 1569) bei, der die Osterzeit mit seinem Bruder aus Alzey auf dem Reichenberg verlebte. Der Maurermeister, Steinmetz und Zimmermann erhielten zur Erinnerung vom Grafen je einen Erbacher Gulden. Die Arbeiter konnten zwischen einem Groschen und einem Simmer Korn wählen. Die meisten zogen die Frucht dem Geld vor. Das Gebäude wurde 1554 fertig gestellt. Das Gebäude mit seiner offenen Markthalle dürfte dann so ausgesehen haben wie nebenstehend abgebildet bzw. wie es im Abschnitt > „Museumssignet“ zu sehen ist.

 

Es diente als Zenthaus für die damalige Reichelsheimer Zent und als Rathaus für die Gemeinde Reichelsheim (zur Zent Reichelsheim gehörten: Reichelsheim, Eberbach, Frohnhofen, Winterkasten, Laudenau unter den Bäumen, Klein-Gumpen, Groß-Gumpen, Bockenrod, Unter-Ostern, Ober-Ostern, Erzbach und Rohrbach).

 

Die Gerichtssitzungen wurden vom Marktplatz in den auf der Nordseite des Obergeschosses befindlichen Saal verlegt. Die Folter im Gerichtssaal, die so genannte Geige, und die Amtstrommel sind heute verschwunden. Auf der Südseite hatte der Richter seine Amtsstube.

 

Im Laufe der Zeit wurde die Rechtsprechung vielseitiger und komplizierter. An die Stelle des Zentgrafen und seiner Helfer traten von der Obrigkeit eingesetzte Amtspersonen. In den Zenten entstanden Ämter. Für die Zent Reichelsheim war das Amt Reichenberg zuständig. Der Amtmann und seine Mitarbeiter residierten zunächst auf Schloss Reichenberg, später im Amtshaus an der Hauptstraße (spätere Bismarckstraße).

 

Ein Rechtsgutachten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt, dass die Kosten für den Bau des Zent-, Gerichts- und Rathauses von den Untertanen alleine und ohne finanzielle Beteiligung des Adels getragen werden mussten. Gleiches galt für Instandhaltungskosten.
 

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2       Gebäudebeschreibung

2.1    Überblick

Das den Ortskern bestimmende Gebäude befindet sich am Beginn eines Hügelrückens an dessen Ende die Kirche steht. Der Bau, auf rechteckigem Grundriss errichtet, steht in Nord-Südrichtung mit der westlichen Längsseite (Bismarckstraße) über dem stark abfallenden Gelände. Ein Satteldach mit Krüppelwalm überspannt den zweigeschossigen Baukörper. Auf den massiven Außenwänden des Erdgeschosses sitzt das in Fachwerkbauweise errichtete Obergeschoss.

 

Das bedeutet, die Anbauten zur Bismarckstraße hin fehlten, der heutige Eingang ebenfalls.

 

Bautechnisch lässt sich das Baujahr wie folgt belegen:

-   Im Eckstein des Sockels der Nordostecke war die Jahreszahl 1554 eingehauen. Das Steinmetzzeichen weist auf den Steinmetz Leonhard Gabel hin.

-   Dendrochronologische Zeitbestimmung des Fälldatums der Hölzer im Fachwerkobergeschoss ergab 1554 +/- 3 Jahre

 

2.2    Erdgeschoss

Das Erdgeschoss bestand aus einer Halle, deren Nord-, Ost- und Südseite offen waren. Die Ostseite war geprägt durch vier arkadenartige Öffnungen, gebildet durch drei Mittelständer und die Eckständer. Durch die beiden mittleren Öffnungen konnte die Halle betreten werden.

 

Die Halle ruhte (und ruht wieder) im Innern auf zwei massiven hölzernen Stützpfeilern, die den Raum mittig dritteln. Die Hallenhöhe beträgt 4,10 m, seine Fläche 8 x 18 m.

 Rundbogenfenster in der Westwand

Die massive Westwand (zur Bismarckstraße hin) ist der älteste Bestand des Gebäudes. Sie zeichnet sich durch Bruchsteinmauerwerk aus großformatigen Sandsteinbrocken mit eingezwickeltem keilförmigem Stein- und Ziegelmaterial aus. Sie diente als eine Art Stützmauer und enthielt drei Rundbogenfenster. Diese waren mit großformatigen Sandsteinblöcken, die einen Falz enthielten eingefasst. Die Fensterbank des rechten Fensters ist erhalten. Die Fenster wurden später zugemauert und nach dem Zweiten Weltkrieg im nördlichen Teil durch zwei kleinere Fenster ersetzt.

 

Die Mauer findet ihren oberen Abschluss auf der Außenseite in einem Sandstein-Gesimsband mit gotischem Profil, das entweder aus einer anderen Mauer stammte und nachträglich angebracht wurde, wahrscheinlich aber den Beweis dafür liefert, dass die Mauer Bestandteil eines sakralen Vorgängerbaus ist.

 

Im Südbereich der Halle führte eine Holztreppe in das Obergeschoss.

ehemalige Markthalle heute mit dem alten Fußboden 

Der Boden liegt auf gleichem Niveau wie der frühere Marktplatz und zeigt noch heute den ursprünglichen Belag. Eingeschlossen sind gotische Sandsteine (vor dem heutigen nördlichen Treppenaufgang), die ursprünglich zu einem Deckengewölbe sakralen Charakters gehörten. Ein Beweis für ein Kloster!?

 

Die Deckenfelder bestanden aus einem Lehm- und Strohmörtelgemisch, das zur besseren Haftung des Verputzes (weiß getünchter, hellbrauner Lehm-Häckselmörtel) aufgepickt war. Diese Struktur ist heute wieder hergestellt.

 

An der Außenseite des Gebäudes waren angebracht:

- an der Ostseite die „Normalelle“, die an Markttagen Käufern und Verkäufern zur Kontrolle der gebrauchten Längenmaße diente

- an der Nordseite der Pranger mit Halseisen sowie

- an der Nordseite das Wappen des Grafenhauses Erbach-Erbach und das erbachische Wappen. Beide wurden im Revolutionsjahr 1848 von revolutionär gesinnten Bürgern entfernt.

 

2.3    Umbauten im Erdgeschoss

Soweit erkennbar wurde der Hallencharakter des Erdgeschosses in zwei Phasen aufgegeben. In einer ersten Stufe wurde im Norden ein schmaler Raum aus der Halle, vermutlich durch Einstellen und Einspannen von Wänden in Fachwerkbauweise, ausgeschieden. In diesem Bereich änderte sich auch der Aufbau der Decke. Durch einen zweiten Lehmaufbau mit eingespannten Brettchen entstand eine bis zur Balkenunterkante bündige Füllung. Den Abschluss darauf bildeten Rohrmatten mit einem Deckenverputz. Für die Westwand ist eine hohe Sockelvertäfelung anzunehmen.

 

In einer zweiten Stufe umfing man im Jahr 1878 die Nord-, Ost- und Südseite mit massiven Wänden und teilte die Grundfläche, abweichend zum Vorzustand, in zwei gleich große Innenräume auf. Die Holzständer der Außenmauern und im Innern verschwanden dabei. Baumaterial waren Bruchsteine.

 

Dem Gebäude wurde damit der Charakter eines schönen mittelalterlichen Dorfrathauses mit offener Markthalle für immer genommen. Später kamen weitere Wände hinzu. All diese Maßnahmen zusammen prägten im Wesentlichen noch bis 1998 die bauliche Substanz des Erdgeschosses.

 

2.4    Obergeschoss

Es ist ein vierzoniger Fachwerkbau. Die Hauptschauseiten des ehemaligen Zent- und Rathauses sind die Nord- und Mannfigur im GiebelOstseite. Hier findet man durchgängig Mannfiguren angeordnet. Sie gleichen einem gestreckten Hampelmann mit zwei langen Fußstreben und zwei kurzen Kopfwinkelhölzern, die in denfränkischer Fenstererker mit genasten Feuerböcken Pfosten verzapft sind. Zwischen den Mannfiguren sind fränkische Fenstererker mit darunter befindlichen genasten Feuerböcken eingebaut, die vor Blitz und Feuer schützen sollten. An der Ostseite (nach Süden hin) sind Andreaskreuze eingebaut (Symbol der Vermehrung).

 

Das Gebäude ist damit das älteste Fachwerkrathaus Deutschlands mit der Mannform als Verstrebungsfigur

 

Die Süd- und die Westseite sind mit Schindeln als Wetterschutz verkleidet bzw. durch den nachträglichen Anbau aufgebrochen. Darunter befindet sich gewöhnliches Fachwerk.

 

In der Giebelseite des Dachgeschosses sind die Balken einfacher gestaltet; ein Hinweis auf die Arbeiten am Dach im 18. Jahrhundert, wobei evtl. auch am Fachwerk der Giebelseite gearbeitet wurde.

 

Die ursprüngliche Farbgebung konnte nach restauratorischen Befunden (siehe z. B. über der Fluchttür im Erdgeschoss) mit dem schwarzen Begleitstrich und dem zweiten Ritzer im Feld rekonstruiert und wieder hergestellt werden. Weitere Farbanstriche folgten in den anderen Jahrhunderten.

 

In der Ostseite bestand die dritte Fenstergruppe von rechts ursprünglich aus vier Fenstern, die jedoch bei der jüngsten Renovierung nicht wieder hergestellt wurden, da dies größere Veränderungen im Innern nach sich gezogen hätte.

 

In der südlichen Hälfte waren der Flur und zwei Amtszimmer untergebracht. Von einem der Zimmer und vom Flur konnte man den in der nördlichen Hälfte gelegenen Gerichtssaal erreichen.

 

2.5    Dachgeschoss

Eine Besonderheit im Dachstuhl ist der Spannbalken des liegenden Stuhles, der in mehreren Fällen als überwölbt gewachsenes Holz eingebaut wurde und zugleich dazu dient, den mittleren Längsunterzug darüber zu tragen.

 

Gefängniszelle im Anbau2.6    AnbauJugendstilfenster

Ende des 17./ Anfang des 18. Jahrhunderts erfolgte ein Anbau an die südliche Hälfte der Westwand. Über die breite Aufgangstreppe konnte nach der Schließung der offenen Halle 1878 das Gebäude betreten und im Innern des Anbaus das Obergeschoss erreicht werden.

 

Im Erdgeschoss des Anbaus (später Spritzenraum) hatte der Stockmeister seine Wohnung. Dahinter befanden sich zwei heute noch vorhandene Gefängniszellen. Darüber waren in der für den Odenwald seltenen Blockbauweise drei Arrestzellen errichtet. Ihr Entstehungsjahr wird auf Grund eines dendrochronologischen Gutachtens auf 1729 datiert. Im Vorraum der Zellen wurden im 20. Jahrhundert drei Jugendstilfenster eingebaut.

 

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3       Nutzung und Ereignisse

Im Erdgeschoss befand sich außer der geräumigen Markthalle eine Wachtstube, ein Backofen und eine Feuerspritze. Der Zugang dafür erfolgte vom Marktplatz aus. Die Feuerspritze wurde später im Anbau zur Bismarckstraße hin untergebracht.

 

In der nördlichen Hälfte des ersten Stockes waren der Gerichtssaal, in der südlichen der Flur und zwei Amtszimmer untergebracht.

 

Im Dachgeschoss befand sich der Rathausspeicher. Während er anfangs als Getreidespeicher genutzt wurde, fanden sich später andere Lagergegenstände dort oben. Sogar die Feuerwehr hängte mit Hilfe einer Winde ihre Schläuche zum Trocknen durch das Giebelfenster ins Freie.
 

Im Spätherbst 1621 wurden Kirche und Zenthaus von bayerischen Truppen ausgeraubt und im Winter zum zweiten Male geplündert.

1622: Den großen Brand durch Kroaten und Franzosen, dem 16 Häuser zum Opfer fielen, überstand das Rathaus offensichtlich unbeschadet.

1757: Auf dem Rathausdach befand sich ein Storchennest. Es existierte noch mindestens bis 1825.

1792 - 1797 während der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich und

1799 - 1801 war in dem Gerichtssaal verschiedentlich ein Hospital für kaiserlich deutsche Truppen eingerichtet.

1806: im Krieg zwischen Preußen und Frankreich beherbergte der Gerichtssaal ein französisches Lazarett.

1829: erwarb die Gemeinde Reichelsheim das Gebäude von den anteiligen Gemeinden gegen eine Abfindung von 1.400 Gulden und ist seit diesem Zeitpunkt alleinige Besitzerin. Es wurden Schulräume eingerichtet.

1845-1847 in den Hungerjahren wurde in der Markthalle in großen Kesseln Suppe gekocht. Diese wurde durch den Präzeptor Willenbücher an besonders bedürftige Kinder und Erwachsene ausgegeben.

1870/71 im deutsch-französischen Krieg diente der Gerichtssaal wieder einmal als Staats-Reservelazarett mit 25 Betten nebst Zubehör. Die Leitung hatte zunächst Frau Anthes, die Gattin des damaligen Pfarrers. Sie wurde abgelöst durch die Krankenschwester Helene Gieselstein, der späteren Frau Helene Göttmann. Für die Kosten des Lazaretts kamen am Anfang begüterte Reichelsheimer Familien auf, dann wurden die Mittel durch Kollekten erworben.

1873/75 in den beiden Amtszimmern war die erste Reichelsheimer Kleinkinderschule mit etwa 60 Kindern untergebracht.

1878 wurde die ganze Markthalle zur Gewinnung von Schulräumen ausgebaut. Bis zur Fertigstellung der Reichenbergschule 1953 diente das Rathaus als Schulgebäude für die Reichelsheimer Schulkinder. Die bisherigen Arrestzellen wurden umgebaut, wodurch im Anbau Räume für die „Verwaltung“ (z. B. Standesamt) entstanden.

1953 wurde die Gemeindeverwaltung im gesamten Rathaus untergebracht. Während der baulichen Vorarbeiten fand sich unter der aufgefüllten Erde der Fußboden der einstigen Markthalle. Außerdem in der schon immer ausgemauerten Westseite der Halle drei später zugemauerte Rundbogenfenster-Durchbrüche und zwei kleinere Fensterdurchbrüche. Die Vertiefungen an den Rundbogenfenstergewändern ließen erkennen, dass diese nur durch Holzläden geschlossen wurden. In der Südostecke wurde eine Tür eingebaut.ehemaliges Zent- und Rathaus heute; Aufn. Fleck

1975 bezog die Gemeindeverwaltung das leer stehende Amtsgerichtsgebäude in der Bismarckstraße 43 und ermöglichte damit

1976 dem Arbeitskreis Heimatmuseum in den leeren Räumen sein Museum einzurichten. Danach wurden noch eine Hausmeisterwohnung, ein Leseraum und die Polizeistation der Gemeinde eingerichtet.

1996 - 99 fanden denkmalschutzgerechte Sanierungs- sowie Außen- und Innenrenovierungsarbeiten statt.

1999 öffnete das Regionalmuseum Reichelsheim Odenwald seine Pforten.

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4       Reparaturen und Sanierung

Im Jahr 1755 war eine sehr umfangreiche und aufwendige „Reparation“ an mehreren Stellen notwendig geworden, welche der Zent nahezu 670 Gulden an Kosten verursachte. Allein der Scharfrichter Jakob Nord aus Michelstadt und sein Wasemknecht als Gehilfe erhielten 1 Gulden 42 Kreuzer für die Besichtigung (Abnahme) der Gefängniszellen. Derselbe erhielt auch 5 Gulden für das Ausputzen der Klosetts und der Gefängniszellen. Die recht ausführliche „Rathausrechnung von 1755" aufgestellt von dem Hochgräflichen Gerichtsschultheiß Dingeldein aus Reichelsheim, wird heute im Archiv der Gemeinde aufbewahrt. Für die zentpflichtigen Orte sind jeweils auch die Einwohner mit ihrem Beitrag namentlich aufgeführt.

 

Die Handwerkerkosten beliefen sich auf 325 Gulden 58 Kreuzer, Materialkosten 279 Gulden 13 Kreuzer. Reisekosten und Zehrungen 18 Gulden 32 Kreuzer, Fuhrlohn und Reitgeld 7 Gulden 30 Kreuzer, Botenlohn 3 Gulden 35 Kreuzer, Schreibmaterial 2 Gulden 58 Kreuzer, Kanzlei‑, Amts‑ und Forstgebühren 11 Gulden.

 

Die beiden bereits erwähnten Wappen wurden für 30 Gulden angebracht.

 

1761 wurden mehrere Fenster repariert, die meistenteils durch französische Soldaten, die hier im Winterquartier lagen, „verunziert“ worden waren.
 

Als Folge einer der in der Vergangenheit durchgeführten Reparaturen hatte sich der Dachstuhl durch die Herausnahme der Andreaskreuze in den Dachflächen des liegenden Stuhls in Längsrichtung zum Marktplatz hin geneigt. Aufgrund dessen wurde 1996 eine Reparatur des Daches begonnen. Die Längsbalken wurden an zwei Stellen aufgetrennt und mit Flaschenzügen gerichtet.

 

Bei diesen Arbeiten erkannte man die Nutzungsmöglichkeit des Dachbodens für das seitherige Museum und baute ihn aus. Dabei wurde der historische Dachstuhl saniert und für Besichtigungen teilweise bis zum First offen gelassen.

 

Nach und nach wurden weitere Mängel, insbesondere im Außenbereich des Fachwerks offenkundig; so z. B. vermodertes Holz, aufgrund von luftdichten Latexanstrichen der Vergangenheit. Eine Sanierung des gesamten Fachwerks und von Teilen des Mauerwerks war die Folge. Dabei wurden ständig weitere Gebäudebestandteile entdeckt, die längst in Vergessenheit geraten waren und der Nachwelt erhalten werden sollen:

-   Der original erhaltene Hallensteinboden aus der Bauzeit 1554,

-   die Rekonstruktion des Holzgefüges im Erdgeschoss (Deckenbalken und Ständer) an Hand von Zapflöchern,

-   die gotischen Rundbogenfenster und das Sandsteingesimsband aus der Gotik in der Westwand,

-   die Farbgebung des Gebäudes insbesondere der Fachwerkanstrich der Konstruktionshölzer und der Gefache nach Originalbefund

-   und die Entdeckung der Arrestzellen im Anbau.

 

Die Arbeiten wurden fachgerecht zum Teil nach uralten Lehmtechniken denkmalschutzgerecht ausgeführt.

 

Im Vorraum zu den Arrestzellen wurde der Leseraum der Gemeinde untergebracht. Er dient zugleich der Präsenzbibliothek des Regionalmuseums.

Plakette zum Denkmalschutzpreis

 

All diese aufwendigen Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten waren 1999 abgeschlossen. Die Gemeinde erhielt dafür im Jahr 2000 den Hessischen Denkmalschutzpreis.

 

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